Europa bei Olympia

Immer, wenn von europäischer Einigung die Rede ist, speziell wenn gestritten wird, wie schnell und wie eng die Verflechtung der europäischen Länder ausfallen soll, frage ich mich, warum man nicht mit einem relativ überschaubaren, emotional geprägten, aber realpolitisch unwichtigen Thema anfängt: dem Sport.

Warum eigentlich nicht einmal eine europäische Sportmannschaft zu Olympia schicken?

Wenn ich als gebürtiger Baden-Württemberger, der in Nordrhein-Westfalen lebt, Thüringer Wintersportlern die Daumen drücken kann, warum sollten wir Deutsche nicht auch Spanier oder Esten anfeuern können?

Zumal die anderen großen Sportnationen ziemlich Moloche sind: USA, Rußland, China. Alles riesige Länder mit vielen Einwohnern. Da könnte man ja mal als Europa gegenhalten.

Und wenn man sich mal die Medaillenspiegel bei Olympia anschaut, wäre das richtig lukrativ.

Bei den letzten Olympischen Sommerspielen in Peking sah es nämlich so aus:

Land Gold Silber Bronze gesamt
USA 36 38 36 110
Rußland 23 21 29 73
China 51 21 28 100
Deutschland 16 10 15 41
EU-Länder zusammen 87 101 93 281

Dasselbe nochmal für die letzten Winterspiele in Vancouver:

Land Gold Silber Bronze gesamt
Kanada 14 7 5 27
Norwegen 9 8 6 23
USA 9 15 13 37
Rußland 3 5 7 15
China 5 2 4 11
Deutschland 10 13 7 30
EU-Länder zusammen 31 36 41 108

Beeindruckend.

The Forever War

The Forever War von Joe Haldeman war ein Spontankauf für meinen Kindle. Einen Tag später kann ich sagen, es hat sich gelohnt. Aber der Reihe nach.

William Mandella ist ein intelligenter junger Mann, der aus seinem Physikstudium heraus in die Streitkräfte eingezogen wird. Anders als in früheren Kriegen werden diesmal nur Menschen mit einem IQ größer 150 eingezogen. Es geht direkt auf einen Trainingsplaneten, wo er und seine Leidensgenossen sich in das Militärleben eingewöhnen müssen und eine Grundausbildung durchlaufen. Erstere ist von eiserner Disziplin samt summarischer Hinrichtungen während des eigentlichen Trainings geprägt, während in der Freizeit eher lockere Moral vorherrscht. Es gibt sogar von oben verordneten Partnertausch in den Betten. Die Grundausbildung fordert bereits einige Leben, ist so ein mechanischer Kampfanzug doch eine auch für den Träger gefährliche Waffe. Und die Umgebung ist ebenfalls wenig einladend.

Schon geht es auf in den Krieg. Die Tauraner haben ein menschliches Kolonisationsschiff vernichtet. Das ist aber auch so ziemlich das einzige, was über den Feind bekannt ist. So werden William und seine Kameraden später auf einem anderen Planeten einige Lebewesen niedermetzeln und sich dann erst einmal fragen, ob das nun die Tauraner waren oder doch einfach nur eine einheimische Tierart.

So leicht kommt man aber gar nicht zum Feind, wenn man einen interstellaren Krieg führt. Dazu bedarf es noch eines passenden Plot-Device. Und so wie andere Erzählungen des Genres Wurmlöcher oder Sternentore haben, hat „The Forever War“ seine „Collapsars“. Das Prinzip ist altbekannt: „speedy thing goes in, speedy thing comes out“. Nur eben ganz woanders. Auf dem langen Flug zu diesen weit verstreuten Collapsars werden die Raumschiffe massiv beschleunigt, fast bis zur Lichtgeschwindigkeit, was zu interessanten relativistischen Effekten führt. Denn die subjektiv erlebte Zeit im beschleunigten Raumschiff fällt mit der auf der Erde „objektiv“ erlebten Zeit auseinander. So erleben die Soldaten einen mehrwöchigen Flug, auf der Erde sind aber schon viele Jahre vergangen.

Was sich nach offensichtlicher Plot-Mechanik der Holzhammermethode anhört, wird aber durchaus virtuos in seinen verschiedenen Aspekten ausgeleuchtet. So haben William und seine Kameraden eben noch eine Tauraner-Basis unter Ausnutzung ihrer völligen Überlegenheit niedergemetzelt, da müssen sie kurz darauf vor einem übermächtigen feindlichen Schiff fliehen. Klar, sie sind deutlich früher von der Erde gestartet als die (offenbar technologisch stets etwa gleichwertigen) Tauraner von ihrem Planeten, haben also die weitaus ältere Technologie an Bord. Das andere Schiff stammt aber wiederum „aus einer späteren Zeit“, hat also weniger Zeit im Transit verbracht.

Oder William und die Liebe seines Lebens werden durch die kalte und unbarmherzige Militärbürokratie getrennt und in verschiedene Einheiten versetzt. Kein Problem, abgesehen von der sehr überschaubaren Überlebenschance in diesem Krieg? Von wegen. Beide werden sicherlich unterschiedlich lange zu ihren Einsätzen fliegen. Wenn der eine also in der Blüte seines Lebens aus der Schlacht zurückkehrt, mag der andere ein Greis sein. Oder schon seit Jahrhunderten tot.

Am Ende des Krieges, der natürlich nur ein Mißverständnis war, wird William der einzige Veteran sein, der den gesamten Krieg von der erste bis zur letzten Schlacht mitgekämpft hat. Er wird nicht befördert, weil er besonders enthusiastisch oder besonders gut kämpft. Sondern weil ein Veteran der ersten Stunden einfach kein einfacher Soldat bleiben kann. Er ist ein Symbol.

Während des jahrhundertelangen Krieges vollbringt er nur wenige Heldentaten, wenn überhaupt. Wer überlebt, hat Glück gehabt. Reines Glück. Es gibt in dieser Erzählung keinen Helden, der sich aufopfert, um doch noch das Blatt zu wenden.

William reflektiert immer wieder das Erlebte. Einst haßte er den Kommandeur, der sich feige in die Sicherheit des Raumschiffes zurückzog, während das Fußvolk kämpfen mußte, dann ist er selbst in dieser Position. Ein andermal beobachtet er an sich, wie die psychologische Konditionierung auf Kommando des Vorgesetzten einsetzt, und Haß in ihm aufsteigt. Oder wie die Militärbürokratie ihn nach Strich und Faden verarscht.

Besonders gut gefallen hat mir, daß das Buch immer dann, wenn die Gefahr aufkam, es könnte langweilig werden nach dem Motto: noch ein Schlacht und noch eine, bis am Ende alles verloren scheint und die Hauptfigur in letzter Sekunde alles rettet), der Autor eine radikale Wende vornimmt.

William kehrt schon recht bald nach seinem ersten Feldzug auf die Erde zurück. Und da wird es besonders faszinierend. In den Jahrzehnten seit seiner Abreise hat sich die menschliche Gesellschaft stark verändert. Größtenteils zum Schlechteren. Er will eigentlich nie wieder in den Krieg, aber schafft es nicht, Fuß zu fassen. William ist ein krasser Außenseiter. Und geht dann doch wieder zurück zum Militär. Aber auch dort hat sich das Leben genauso verändert. Plötzlich ist er der einzige Heterosexuelle in seiner Kompanie. Die englische Sprache hat sich verändert, die Jüngeren verstehen ihn nur noch, weil sie auf der Schule das „alte Englisch“ als eine Art Fremdsprache lernen. Das geschieht aber alles relativ behutsam und bleibt zunächst als mögliche (nicht allzuferne) Zukunft glaubwürdig. Bis ganz zum Schluß, wo die menschliche Gesellschaft dann plötzlich Riesenschritte in eine mäßig glaubhafte Zukunft unternimmt.

Es ist schwer zu sagen, ob das Buch nun gut endet oder nicht. Auf der persönlichen Ebene mag sich für William alles zum Guten wenden, aber die Menschheit als solche ist völlig verändert. So sehr, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie es wäre, dort zu leben.

Alles in allem ein guter Kauf.

Investment Punk

Coverbild von "Investment Punk"

Wir kannten unsere Geschichten wechselseitig schon, aber das tat nichts zur Sache“

 

„Investment Punk“ von Gerald Hörhan hat sich vergangenes Jahr eine kleine Fangemeinde erobert.

An mir war das Buch völlig vorübergegangen, jedoch begeistern sich einige meiner Arbeitskollegen dafür. Und so beschloß ich, es auch einmal zu lesen.

Der Slogan „Warum ihr schuftet und wir reich werden.“ richtet sich laut Autor an die berühmte Mittelschicht.

Mittelschicht ist irgendwie jeder, unabhängig von Einkommen und sozialen Status. Denn niemand würde sich ja als Neureicher offenbaren wollen, ebensowenig als armer Schlucker. In den Vereinigten Staaten treibt das mittlerweile die komischsten Blüten, da kann man sich als „upper lower middle class“ bezeichnen, ohne grinsen zu müssen.

Meine Erwartungen waren relativ klar: Ein Finanzguru, der ein paar fragwürdige  Anlagestrategien an den Mann bringt, und dazu ein ganzer Haufen Sozialleistungsbezieherbeschimpfungen. Denn so wie die Mittelschicht versucht, sich nach unten hin abzugrenzen (das Prekariat!), so will sie diese Schichten zementiert sehen.

Eines direkt vorweg: Meine Erwartungen lagen völlig daneben. Und das ist tatsächlich ein Problem.

Ein „Nehmt-die-arbeitslosen-Faulenzer-mal-ordentlich-ran-Pamphlet“ hätte zumindest die Grundlage für eine flammende Erwiderung geboten. Investment Punk ist aber kein solches Buch.

Denn die Unterschicht kommt gar nicht vor. Die Oberschicht nur in der Beschreibung dekadenter Partys. Aber die Mittelschicht? Die kommt auch nicht vor. Mit sozialen Strukturen hält sich der Autor gar nicht erst auf. An sich ist das ja sehr angenehm.

Man fragt sich nur, weshalb es dann allenthalben tönt, dieses Buch würde die Lage der Mittelschicht schonungslos aufzeigen. Abgesehen davon, daß die Ärmeren unserer Gesellschaft wohl nicht an Hausbau denken, gelten die Grundsätze des Autors ebenso für diese: Gib nicht mehr aus als du hast.

Aber da sich jeder selbst zur Mittelschicht zählt, sind die Werbeslogans natürlich im besten kommerziellen Interesse: Die Oberschicht ist zu klein, die Unterschicht liest im Zweifel eh keine Bücher (und wenn, dann keine über Finanzen), also definieren wir die Zielgruppe des Buches nicht über den Inhalt, sondern über die wahrscheinlichen Käufer.

Was das ganze mit Punk zu tun haben soll, erschließt sich mir jedoch überhaupt nicht. Der Autor scheint damit zwei Dinge zu meinen: daß er ein Rebell gegen „das System“ ist. Und daß er zuweilen seinen Aston Martin stehen läßt, sich entsprechende Klamotten anzieht, und dann im Taxi zu einem Musik-Festival oder in einen Club fährt. Wo er sich dann den Luxusschlitten vom Assistenten vorfahren läßt, um stilvoll die Party verlassen zu können.

Ich stelle einfach mal kommentarlos ein Zitat von „math punk“ Tom Henderson daneben:

You see, before punk was co-opted into a prescribed set of parent-frightening hair styles and a supply chain for your local Hot Topic outlet, it was a genuine cultural movement.“

Das Problem an diesem Buch ist aber nicht die Werbung. Oder der anbiedernd-arrogante Stil, der auch nur eine legitime Masche der Lesergewinnung ist. Und erst recht nicht, daß der Autor windige Finanzkonstruktionen an seine Jünger verschachern würde. Das tut er nicht. Wie er überhaupt wenige konkrete Ratschläge gibt.

Das Problem besteht einfach darin, daß in dem Buch zwar eigentlich nichts falsches steht. Unglücklicherweise aber auch nichts originelles oder neues.

Und die richtigen Gedanken, die er kurz anschneidet, werden nicht ausgeführt, so daß der Leser, der mit ihnen schon vertraut ist, mentale Strichlisten abhaken kann („ah ja, value investing, und hier könnte die Argumentation in Richtung ETFs gehen“), derjenige, der sich damit aber noch nicht auskennt, wird nicht auf die Spur gebracht, daß er sich entsprechend informieren könnte (zumal die Schlagworte, nach denen man suchen müßte, gar nicht vorkommen). Also kann der eine Leser das Buch relativ zügig durchlesen und stellt fest, daß viele wichtige Ratschläge vorkamen (was ihm außer einer Bestätigung wenig einbringt), der andere Leser muß aber erst einmal erkennen, welches die wichtigen Aspekte sind. Und wird dann alleingelassen.

Eine grobe Inhaltsangabe ist relativ simpel: Angeberische Geschichten, was für ein toller Hecht der Autor doch ist. Diese sind auch tatsächlich lustig zu lesen. Auch wenn die Geschichte, wie er als Jugendlicher weggeworfene Ski aus dem Schrott aussortiert und weiterverkauft hat, sehr an die vielen immergleichen Geschichten erinnert, mit denen alle möglichen Self-Made-Männer ihre bereits frühe Neigung zum Unternehmertum darstellen. Da gabs mal so eine Geschichte, wie jemand mit einer Taucherausrüstung den See hinter einem Golfplatz „aufgeräumt“ und gebrauchte Golfbälle verkauft hat. Alles schon dreimal in der ein oder anderen Variante gelesen.

Dazwischen drei Themenblöcke: Selbstbewohnte Immobilien sind eine schlechte Idee (auch wenn das nicht in der Allgemeinheit gilt, gerade im Schwabenland kann man die Saat zu diesem Gedanken nicht oft genug streuen). Eigenverantwortliches Unternehmertum ist abhängigen Arbeitsverhältnissen, vulgo „Arbeitsplatz“, stets vorzuziehen (eine steile These, aber diese Sichtweise ist jetzt auch nicht so ungewöhnlich, daß man sie pauschal als „falsch“ bezeichnen könnte). Und „die finanziellen Probleme der Leute rühren daher, daß die Leute mehr ausgeben, als sie einnehmen“.

Wie gesagt, alles nicht unbedingt falsch, aber mal ehrlich: wer hat das noch nie gehört?

Das einzige, wovor man den Leser wohl warnen sollte, sind die Immobiliengeschichten, die er mehrfach ans Herz legt: Viele Wohnungen auf Kredit kaufen, den Kredit von den Mietern abzahlen lassen, und nach geraumer Zeit zwei Dutzend schuldenfreie Wohnungen sein eigen nennen. Wie der Autor die realen Gefahren des Leerstandes, des Mietnomadentums oder der Unterhaltskosten wegwischt, ist beeindruckend. Es wäre geradezu gefährlich, wenn zu befürchten stünde, daß sich jemand auf dieses Buch gestützt Wohnungen kauft. Aber da das Buch eher eine Haltung vermitteln soll denn tatsächlich praktisch umsetzbare Ratschläge geben, ist diese Gefahr wohl eher gering.

Rückblickend bleibt als Fazit: Ein belangloses Buch, das ob seiner Kürze aber wenig Lebenszeit in Anspruch genommen hat und dessen Geschichten und Anekdoten doch zumindest ein wenig amüsieren konnten.

Wer ernsthaft an guten Ratschlägen zum Thema „persönliche Finanzen und Investments“ interessiert ist, sollte sich anderswo umschauen.

Vor einigen Jahren gab es ein recht erfolgreiches Buch von Martin Weber, einem Professor aus Mannheim. Es heißt „Genial einfach investieren“, krankt an einigen Stellen, ist sachlich aber korrekt und liefert einen guten Überblick.

Das wirklich relevante Buch stammt aber von David Swensen und heißt „Erfolgreich Investieren: Strategien für Privatanleger“, beziehungsweise im englischen Original „Unconventional Success: A Fundamental Approach to Personal Investment“.

Wer sich für „value investing“ interessiert (das ist das, was Hörhan im Zusammenhang mit Buchwerten anschneidet), kommt um „The Intelligent Investor“ von Benjamin Graham nicht herum. Das ist die Bibel zum Thema. Persönlich halte ich von „value investing“ für Privatanleger jedoch herzlich wenig.

Und zuguterletzt: Wer in die Börse investieren möchte, sollte unbedingt vorher „Common Sense on Mutual Funds“ von John Bogle gelesen haben (zu Deutsch: „Keine Investment-Zauberformel. Börsengewinne mit gesundem Menschenverstand“. Da wird dann die Indexfonds-Schiene aufgemacht, die man hierzulande über ETFs sinnvoll umsetzen kann.